Ich blättere ja hin und wieder in Büchern. Dabei stoße ich auf Passagen, die ich irgendwie besonders finde. Besonders lustig, besonders brillant oder besonders bescheuert interessant. So geschehen gestern beim Schmökern in Mr. Winterhoffs Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden". Da fand ich zum Beispiel den Satz: "Das Kind ist letztlich Symptomträger der gesellschaftlichen Fehlentwicklung." Der gefällt mir. Darüber kann man immerhin trefflich nachdenken.
Ich stolperte aber auch über diesen denkwürdigen Begriff des "defizitären Erwachsenen". Gibt es denn in der ganzen Galaxie einen einzigen nicht-defizitären Erwachsenen? Den würde ich gerne mal kennen lernen! Na, oder vielleicht lieber doch nicht. Doch bevor ich jetzt die ketzerische Frage stelle, wer denn eigentlich beurteilen kann, was und wer defizitär ist, möchte ich Ihnen doch meine Lieblingspassage vorstellen:
"Gerade die Großeltern nämlich stellen eine enorm wichtige Ressource dar, wenn wir daran gehen wollen, die Generation unserer Kinder und Jugendlichen vor dem endgültigen Abrutschen in die Lebensuntüchtigkeit zu bewahren. ... Häufig genug wird beklagt, dass alte Menschen in ihrem Lebensabend Erfüllung vermissen, sich abgeschoben fühlen und vom Leben ausgeschlossen. Geht man davon aus, dass es in dieser Generation ein Bewusstsein für die beschriebene Beziehungsstörung gibt, wäre der Weg frei, die Großeltern aktiv in die Förderung der Jüngsten einzubeziehen."
Toller Ansatz. Ich erkläre also meiner Tochter, dass sie und ihr Sohn aller Wahrscheinlichkeit nach eine Beziehunsstörung haben, und ich deshalb als Oma einfach mehr tauge als sie als Mutter. Meine Tochter wird begeistert sein. Wenn ich ihr dann auch noch versichere, dass das die einzige Chance ist, ihren Kleinen vor dem "endgültigen Abrutschen in die Lebensuntüchtigkeit zu bewahren", wird sie mir um den Hals fallen und mir prompt Baby samt Köfferchen in die Hand drücken. Anschließend begibt sie sich sofort vertrauensvoll in die Hände von Dr. Winterhoff, uns sich ihr Defizit wegtherapieren zu lassen.
Also ehrlich. Omas und Opas waren schon immer wichtig und werden es auch immer bleiben. Manche sind hilfreich, manche die Pest. Auch das wird immer so bleiben. Niemand hat etwas dagegen, wenn sich ältere Menschen ehrenamtlich im Kindergarten engagieren. Doch schon mal dran gedacht, dass gerade die Großelterngeneration all diese "defizitären" Erwachsenen hervorgebracht hat? Und das ja höchstwahrscheinlich deshalb, weil sie selbst so "defizitär" sind, weil sie als Kinder von Kriegskindern ja auch nicht immer das bekommen haben, was sie für ihre Psyche gebraucht hätten. Und darüber hinaus noch unbewusst den Ballast der Kriegstraumatisierungen ihrer Eltern mit sich herumschleppen.
Und ausgerechnet die sollen jetzt als ehrenamtliche Frühförderer die Retter einer ganzen Generation werden? Gut, aber dann bitte vorher alle ab in die Selbsterfahrungsgruppe, Traumatherapie oder ins Anti-Defizit-Coaching, und das mindestens 3 Jahre lang!